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Das anthropozentrische Selbstbild des Menschen

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Das alles entscheidende Problem bei der Bewältigung anstehender gesellschaftlicher Probleme national wie weltweit ist das unüberwindbare Phänomen des Irrationalismus und Idealismus.

Natur- und Geisteswissenschaften beschreiben zutiefst unterschiedliche Phänomene des menschlichen Seins. Sie haben nach wie vor eine nur geringe Berührungsfläche. Vorherrschend sind, wenn wir an die politische Gesetzgebung, an die Ethik der Theologen und vor allem an die Zielsetzung der Pädagogen denken, jene Phänomene, mit denen sich die Geisteswissenschaften befassen.

Wolf Singer Wolf Singer

Neurobiologe,
Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt

"Ich würde mich auf die Position zurückziehen, dass es zwei von einander getrennte Erfahrungsbereiche gibt, in denen Wirklichkeiten dieser Welt zur Abbildung kommen.

  • Wir kennen den naturwissenschaftlichen Bereich, der aus der Dritte-Person-Perspektive erschlossen wird,
  • und den soziokulturellen, in dem sinnhafte Zuschreibungen diskutiert werden: Wertesysteme, soziale Realitäten, die nur in der Erste-Person- Perspektive erfahrbar und darstellbar sind."

(Wolf Singer: Das Ende des freien Willens? In: Spektrum der Wissenschaft, Februar 2001. )

Lutz Geldsetzer:

Wissenschaftstheoretiker

"Idealistische Anthropologien tendieren dahin, den Menschen als reines Geistwesen zu definieren... Die realistischen Anthropologien sind durchweg naturalistisch, d.h. sie sehen das Wesen des Menschen in einem gemeinsamen Zuge, den er mit der Natur oder einem ihrer Bereiche gemein hat."

(Lutz Geldsetzer: Zur Systematik der Philosophischen Anthropologie. In: Philosophische Anthropologie. Vorlesung im WS 1985/86, Universität Düsseldorf.)

So könnte man sagen, dass die Sichtweise aus der Erste-Person-Perspektive Idealismen, Spiritualismen und die aus der Dritte-Person-Perspektive Realismen, Naturalismen erzeugt, jene das spiritualistische und diese das naturalistische Menschenbild.

Wer heute eine Brücke zwischen diesen beiden Bildern vom Menschen sucht, der sucht immer noch vergebens.
"Vermittelnde Positionen zwischen Idealismen und Realismen sind zwar angestrebt, aber kaum konsistent entwickelt worden." (Lutz Geldsetzer, ebenda.)

Wolf Singer:

"Dass die Inhalte des einen Bereichs aus den Prozessen des anderen hervorgehen, muss ein Neurobiologe als gegeben annehmen. Insofern muss, aus der Dritte-Person-Perspektive betrachtet, das, was die Erste-Person-Perspektive als freien Willen beschreibt, als Illusion definiert werden. Aber »Illusion« ist, glaube ich, nicht das richtige Wort, denn wir erfahren uns ja tatsächlich als frei... Beim freien Willen ist es doch so, dass wohl fast alle Menschen unseres Kulturkreises die Erfahrung teilen, wir hätten ihn. Solcher Konsens gilt im Allgemeinen als ausreichend, einen Sachverhalt als zutreffend zu beurteilen. Genauso zutreffend ist aber die konsensfähige Feststellung der Neurobiologen, dass alle Prozesse im Gehirn deterministisch sind und Ursache für eine jegliche Handlung der unmittelbar vorangehende Gesamtzustand des Gehirns ist. Falls es darüber hinaus noch Einflüsse des Zufalls gibt, etwa durch thermisches Rauschen, dann wird die je folgende Handlung etwas unbestimmter, aber dadurch noch nicht dem »freien Willen« unterworfen."
(Wolf Singer, ebenda.)

Und nun muss man sich die Frage stellen, inwieweit eine demokratisch gewählte Regierung, deren Wahlvolk und Politiker das menschliche Sein allein aus der Erste-Person-Perspektive betrachten -- man sehe die Lieblingsliteratur der Deutschen --, Gesetze auch jenen vorschreiben kann, die zumindest ihre persönliche Existenz auch aus der Dritte-Person-Perspektive erkennen. --- Ein ethisches Problem!

Die Forderung, Kirche und Politik zu trennen -- was jetzt im Zusammenhang mit der Irak-Politik wieder als notwendig erkannt wird -- findet auch hier ihre Begründung:

  • Kleriker sehen durchweg die Welt von der Erste-Person-Perspektive,
  • Politiker haben zuerst ihre Sicht aus der Dritte-Person-Perspektive zu wählen.

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